Dieter Bohlen im Interview
Eigentlich war dieses Interview mit Heinz Henn geplant. Unser Redakteur Mark Obert wollte mit Dieter Bohlen über Musik reden, erhielt aber zunächst eine Absage von RTL. Der Sender teilte mit, dass Dieter Bohlen nicht zur Verfügung stehe, aber Heinz Henn zu einem Interview bereit sei. Dann klingelte das Telefon. „Hier ist Dieter Bohlen. Sie wollen über Musik reden. Da hab’ ich jetzt Bock drauf“, sagte eine markante Stimme am anderen Ende. Das Ergebnis ist heute in der Frankfurter Rundschau und hier auf Hessen rockt zu finden.
“Das Sandmännchen hat Potenzial”
Frankfurter Rundschau: Herr Bohlen, gucken Sie mit Ihrem Jüngsten ab und zu das Sandmännchen?
Dieter Bohlen: Ja, das Ost-Sandmännchen, glaube ich. Ist das nicht das mit der tollen Melodie? Die finde ich nämlich viel schöner als die vom West-Sandmännchen, viel eingängiger.
Im Gegenteil: Die ist viel sprunghafter und deshalb schwieriger zu singen. Ideologisch betrachtet, diente auch die Musik des Ost-Sandmanns, wie er ja aus DDR-Zeiten ohne Verniedlichung heißt, der ästhetischen, anti-konsumistischen Erziehung.
Ernsthaft? Für mich ist das eine hyperkommerzielle, zwar ein bisschen traurige, aber hitverdächtige Melodie. Die hat Potenzial, nicht nur für Kinder.
Denen komplexe Musik leider oft vorenthalten wird, dabei reagieren schon Babys äußerst erfreut auf klassische Musik.
Wenn ich meinen Sohn sehe, wie der in der Musikschule für Kleinkinder rumtrötet und trommelt und dabei einen Heidenspaß hat, glaube ich eher: Kinder haben es am liebsten, wenn’s einfach ist und Krach macht.
Wetten, dass die in der Musikschule nie den Ost-Sandmann spielen, weil er sich für Rambazamba nicht eignet?
Das habe ich auch gar nicht gesagt. Ich finde nur, dass man aus der Melodie, wenn man sie richtig gut verpackt, was machen könnte. In der DDR sind ja viele tolle, marktfähige Nummern komponiert worden wie “Über sieben Brücken” von Karat. Wenn Xavier Naidoo das morgen singen würde, hätte er eine Nummer eins. Garantiert!
Ist Erfolg planbar?
Nein, aber man kann alles sorgfältig bedenken und es entsprechend umsetzen, so dass die Hit-Chance größer wird. Wenn man nichts dem Zufall überlassen will, muss man jede Menge Material schütteln, damit was Gutes übrig bleibt. Die Zeiten, als einer auf dem Dorf mal eben ein One-Hit-Wonder komponiert hat, sind vorbei.
Gewähren Sie doch mal einen Blick in Ihre Hitfabrik, am Beispiel von “Cheri, Cheri Lady” von Modern Talking, das in den Achtzigern abgeräumt hat…
…in mehr als 60 Ländern war das ganz oben. In Moskau habe ich im Dezember ein Konzert vor 33 000 Leuten gegeben. Die Begeisterung für Modern-Talking-Lieder ist dort ungebrochen…
…vor allem ironiefrei.
Stimmt, die Russen fahren auf diese Brutalkommerzialisierung ganz ernsthaft ab. Und “Cheri Lady” ist dafür ein gutes Beispiel: Wir hatten damals schon zwei Nummer-Eins-Hits, unter anderem “You can win, if you want”, und mussten einen Weg finden, diesen Erfolg zu bestätigen. Wichtig ist, nicht plötzlich große Kunst machen zu wollen, sondern die reine Kommerzialität im Auge zu behalten, die Erfolgsbasis minimal zu variieren, ohne sich zu wiederholen. Mit ” Cheri Lady” ist das gelungen. Für sich betrachtet hat der Song zudem alle Ingredienzien, die es damals brauchte. Man musste noch mehr auf den Punkt kommen als heute, die Melodie musste ad Hoc mitzusingen sein, ohne blöd zu klingen. Hören Sie mal (er singt:) Cheri, Cheri Lady… Verstehen Sie, da sind wir wieder beim Sandmännchen. “Cheri Lady” ist ein Kinderlied.
Und weckt als solches auch ein Gefühl der Vertrautheit?
Es ist schön einfach, nicht schrecklich einfach. In dem Bedürfnis, ohne großen Aufwand gemeinsam lossingen und Party machen zu können, sind Erwachsene wie Kinder. Auf dem Prinzip basiert Volksmusik, oder nehmen Sie “Schnappi, das Krokodil” - das fanden auch viele Eltern toll.
Das infantile Moment Ihrer Musik ist kalkuliert?
Das nun nicht. Ich schäme mich aber nicht für die Ähnlichkeiten.
Von “Cheri Lady” zum “Bibabutzemann” ist es in der Tat gar nicht so weit.
Hm, wie geht das noch gleich? “Es geht ein Bibabutzemann…”
“…in unserm Kreis herum, widibum”.
Gut, die Metrik ist ähnlich, die Töne sind aber komplett anders. Ich könnte Ihnen jetzt aber noch 1000 weitere Beispiele nennen: “I should be so lucky / lucky, lucky, lucky”. Das ist reinstes Kinderlied. Oder unser Modern-Talking-Hit “Brother Louie”. Der war ja sogar in England auf Platz zwei, merkwürdigerweise. Aber eines sage ich Ihnen: Diese Brutalkommerzialisierung ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Bist du einen Tick zu doof, will’s keiner hören. Bist du einen Tick zu raffiniert, will’s erst recht keiner hören.
Können Sie sich erklären, warum Sie diesen Ritt offenbar beherrschen?
Ich habe meistens die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich hätte bei “Cheri Lady”als Titelzeile ja auch singen können: “I break your heart, I break your heart…” Das wäre aber nie ein Hit geworden. Was viele nicht begreifen wollen, ist, dass du eine Einheit von Melodie und Text brauchst. Das ist immer die Kunst. Ganz ehrlich: Ich habe allein für die Zeile “Brother Louie, Louie, Louie” drei Wochen lang Unmengen Schweiß vergossen, vor allem, um noch einen Reim darauf zu finden, der metrisch passt und Sinn ergibt.
Ihre Lösung erscheint simpel: “Oh she’s looking to me…”
Klar, im Ergebnis muss es leicht klingen und nicht nach mühevoller Arbeit. Die Leute, die so etwas wollen, gehen zum Liedermacher.
Wolf Biermann singt mangels Reim auch manchmal “ui-ui-ui…”
Ich hatte zunächst auch “Schui-schui-schui”, aber erstens klingt das nach gar nix, und zweitens wäre das jenseits der Rasierklinge. Aber wenn es so einfach wäre, die richtige Phonetik passgenau auf eine catchy Melodie zu legen, dann würde das jeder machen können. Jeder Designer will, dass sein neuer Mixer funktionaler ist als die anderen und besser aussieht. Aber nur wenige Designer sind gut genug. Von einem Mixer aber verlangt niemand, dass er die Hausfrau emotional berührt, von meinen Balladen schon. Denken Sie an “We have a dream” aus der ersten DSDS-Staffel. Da standen zehn junge Leute auf der Bühne, die alle den Traum hatten, Superstar zu werden. Wenn die Musik dieses Gefühl nicht unterstützt, wirkt das nicht. Also habe ich denen eine None in den Refrain gepackt. Das ist hammerschwer für jeden Sänger, aber es war festlich hoch zehn.
Die große None ist naheliegend, die gibt vielen Nationalhymnen das Gloriose.
Genau! Aber wenn alles so nahe liegend ist, wieso singt dann Sarah Connor vor dem Boxkampf von Henry Maske einen derart unpassenden Song, vor 17 Millionen Fernsehzuschauern? Danach wundert die sich noch, weshalb der floppt. Sarah ist eine grandiose Sängerin, aber vor einem so lebenswichtigen Boxkampf ist ein Lied mit dem Titel “Impossible Dream” der reinste K.o.-Schlag. Normalerweise könnte man vor so einer Box-Kulisse “Hänschen Klein” auf dem Kamm blasen, und hätte einen Top-Five-Hit. Mit dem Bohlen-Kamm garantiert!
“I will survive” hätte besser zu Maske gepasst?
Ja - oder was weiß ich. Der oberste Merksatz lautet: Es muss was rüberkommen, aber nicht das Falsche. Als die DSDS-Kandidaten “I have a dream” sangen, funktionierte das, weil die das richtige Gefühl im richtigen Augenblick vermittelten.
Sie deuteten vorhin an, die Ära der Partyhits à la Modern Talking sei vorüber.
Seit zehn Jahren. Heute steht die Person, der Typ, die Attitüde im Vordergrund, Coolness und Groove, wie bei 50 Cent und solchen Jungs. Die Kids wollen lieber tanzbare Musik und wollen beim Tanzen so cool sein wie der Künstler. Sich total identifizieren zu können, ist viel wichtiger als früher, wo du als Musiker einfach der warst, der für Stimmung gesorgt hat. Und ohne harte Biografie kommst du gar nicht an: Die Kids finden so einen HipHopper doch erst richtig super, wenn dem fünfmal in den Rücken geschossen wurde.
Wie reagieren Sie auf diesen Trend?
Gar nicht, weil ich weiß, dass sich ein richtig gutes Lied auch heute noch durchsetzt - auch ohne Schussverletzung. Und Sommerhits wie die aktuelle Nummer eins von DJ Ötzi wird’s immer geben.
Die meisten DSDS-Kandidaten sind behütete Mittelstandskinder. Ihrer Trend-Theorie nach dürften die alle nicht das Zeug zum Superstar über die Show hinaus haben - am ehesten noch Finalist Mark Medlock. Dessen schicksalsträchtige Außenseiter-Biografie währt aber auch schon 28 Jahre, das ist nicht gerade das Einstiegsalter für die Marke Teenie-Idol.
Ich weiß nicht, ob das Alter ein Problem wäre, weil Mark mit seiner geilen Stimme das Zeug hat, ein anspruchsvolles Publikum zu unterhalten. Was ich an Mark abgesehen davon toll finde, ist, dass er sich absolut nicht dem Mainstream anpasst, dass er beim ersten Casting gleich gesagt hat: “Hey, ich bin schwul.” Vor so viel Mut habe ich echt Respekt.
Elton John ist schwul, George Michael ist schwul… Worin liegt das Problem?
Die Gesellschaft ist doch längst noch nicht so tolerant, wie sie tut. Wenn man im Fernsehen einem das Mikro vor die Nase hält und ihn fragt, ob er was gegen Schwule hat, sagt der natürlich nein, auch wenn er Schwule übel findet. Ricky Martin, Robbie Williams und wie sie alle heißen: Die werden ihre Gründe haben, sich nicht zu outen.
Und ob, die werden als Latin Lover bzw. Womanizer inszeniert. Also fürchten die Manager und Plattenfirmen um die Gunst weiblicher Fans. Mit der Intoleranz der Gesellschaft hat das weniger zu tun.
Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Wenn einer gute Musik macht, sollte es den Fans eigentlich egal sein, ob er schwul ist oder nicht.
Aus Ihrem Mund, Herr Bohlen, klingt das seltsam naiv. Zu Zeiten von Modern Talking hegten an der Heterosexualität Ihres androgynen Partners Thomas Anders auch viele Fans heftige Zweifel…
…na und, mir war das doch egal.
Kaum zu glauben, wo Sie doch immer ans Gesamtpaket denken. War Anders’ geldwertes Image als Mädchenschwarm nie gefährdet?
Nein, abgesehen davon machte diese Uneindeutigkeit ja auch den besonderen Reiz aus. Deshalb hat es mich nie gekümmert, ob Thomas auch oder nur schwul war oder was auch immer. Genauso egal sollte es den Leuten bei Mark Medlock sein. Weswegen ich mir um Mark Sorgen mache, ist, dass er so viel von seinem Seelenleben preisgibt. Der kapiert manchmal nicht, dass er da Hämmer erzählt, die andere selbst Freunden verschweigen würden.
Dabei sollte man meinen, der Seelenstriptease sei erwünscht bei DSDS. In den Einspielfilmen wird die Vita jedes Kandidaten dramatisiert wie eine Doku Soap, vom Pubertätsspeck Lisa Bunds bis zum Tod der Eltern Mark Medlocks.
Da wird möglicherweise hier und da die Grenze zum Intimen überschritten, okay. Mark aber muss viel mehr Acht geben darauf, mit wem er sich außerhalb von DSDS einlässt. Den falschen Leuten Vertrauen zu schenken, ist in unserem Geschäft besonders fatal.
Sprechen Sie von der Bild-Zeitung?
Von wem auch immer. Man muss begreifen, dass die Show selbst und der gesamte Medienzirkus bestimmten Spielregeln folgen. Da wird natürlich auch Emotionalität inszeniert. Mark aber erinnert mich total an diesen völlig naiven, offenherzigen Roy Black. Wie der geendet ist, wissen wir ja. Der ist von den Medien fertig gemacht worden.
Lag Roy Blacks Drama nicht eher darin begründet, dass er einerseits als Schlagersänger von allen geliebt werden wollte, andererseits als Rock’n'Roller seine Schlager selbst verabscheut hat?
Das glaube ich nicht. Wenn ich an Roys Stimme denke, frage ich mich ohnehin, ob der als junger Rock’n'Roller in Augsburg wirklich so gut war, wie immer behauptet wird. Dass der sich später von seinen Schnulzen wie “Ganz in Weiß” distanziert hat, lag doch auch an euch Feuilletonisten von der “FR”, der “Zeit” und woher sonst noch. Die Schlagersänger wissen ja, dass Ihr deren Musik nicht abkönnt, also beten sie euch die alte Leier runter: “In Wahrheit würde ich ja viel lieber Jazz singen, denn das ist meine Welt”, und solchen Quatsch. Dabei sind die froh, dass sie mit einem Schlager mehr Geld verdienen, als sie in 1000 Tingelkneipen verdienen würden. Die eine Musik ist der Job, die andere ist das Hobby.
Oder mehr als das Hobby: die wahre Leidenschaft.
Von mir aus, ist ja gleich, wie man es nennt.
Wenn die professionelle Trennung von Show-Existenz und wahrer Persönlichkeit so einfach wäre und gewünscht ist, wieso vermischt ein ausgebuffter Profi wie Sie dann die Kategorien und betet den DSDS-Kandidaten “Authentizität” und “echtes Gefühl” vor?
Weil es manchmal auch darauf ankommt, dass einer so rüberkommt, wie er wirklich ist. Für viele Fans heutzutage ist Authentizität wichtig, das habe ich ja vorhin gemeint. Wenn die einen toll finden, weil er vom harten Leben in Detroit singt, finden die das eben nur glaubhaft, wenn der auch weiß, wovon er da singt.
Das verlangt man von Eminem, aber doch nicht von einer Glamourdiva und einem Mädchenschwarm aus dem PR-Zauberkasten. Wenn Madonna all das empfinden würde, wovon sie singt, wäre sie längst irre.
Zugegeben, der Begriff Authentizität wird ein bisschen überstrapaziert, weil es natürlich auch darum geht, den Leuten nicht die Illusion zu rauben, dass da auch was Echtes rüberkommt. Vollprofis machen das ganz abgezockt: Ich kenne Sängerinnen, die bringen im Studio so viel Gefühl rüber, dass du weinen könntest, und lackieren sich dabei lässig die Fingernägel. Die haben das einfach in der Stimme. Wenn aber einer, der so toll aussieht, dass die Teenies schwach werden, nicht voll hammermäßig singen kann, muss man ein bisschen mehr am Drumherum arbeiten.
Stimmt es, was Kritiker DSDS immer vorhalten: Es geht nicht um die Gesangsleistung?
Das ist doch völliger Quatsch. Wer nicht mit kriegt, dass ich auch den Gesang bewerte, der ist taub. Wenn eine die Töne nicht trifft wie zuletzt unsere Kandidatin Lauren Talbot, hört’s für mich auf. Basta.
Lauren Talbot mag keine Top-Sängerin sein, aber sie ist unverwechselbar. Madonna oder die Isländerin Björk, deren neueste Platte morgen erscheint und heiß ersehnt wird, können sich mit der reinen Gesangskunst einer Whitney Houston auch nicht messen. Dennoch zählen sie im Gegensatz zur Houston nach wie vor zu den umschwärmten Popdiven unserer Zeit.
Björk? Wo leben Sie denn? Ich messe Erfolg immer noch an den Verkaufszahlen. Zugegeben, zurzeit haben es weibliche Popstars allesamt schwer, Typen wie Whitney Houston oder Mariah Carey sind gerade nicht so angesagt. Aber es gibt immer noch Stars wie Nelly Furtado. Björk dagegen spielt in einer Liga, die mich null interessiert.
Die spielt in einer besonderen Liga, in der Persönlichkeit keine Phrase ist.
Kriegen Sie bei der Gänsehaut? Ich nicht. Aber wenn einer wie Mark Medlock singt, der Soul in der Stimme hat und dann noch echtes Gefühl investiert, kriege ich Gänsehaut pur.
Herr Bohlen, sollte man den DSDS-Kandidaten nicht langsam mal beibringen, Schein und Sein wie ein Vollprofi zu trennen? Gerade, wo die so jung sind wie Finalist Martin Stosch oder so verletzbar wie sein Mitfinalist Mark Medlock?
Die Idee ist nicht ganz verkehrt. Eigentlich brauchten die neben einem Gesangstrainer auch so etwas wie Schauspielunterricht. Dann wäre vielleicht ein bisschen mehr die nötige Distanz da und der Selbstdruck weg. Andererseits wollen wir ja unverfälschte Menschen mit ihren Träumen präsentieren und kein Seminar abhalten. Das würde keiner sehen wollen. Außerdem ist DSDS ein internationales Format, daran können wir gar nichts ändern. Warum sollten wir auch? Es ist erfolgreich.
Bei “Star Search”, der legendären Talent-Show aus den USA, hat eine Fachjury die Kandidaten bis zum Ende nach professionellen Kriterien gesiebt. Neben vielen anderen wurde dort Whitney Houston entdeckt. Ein solches Format müsste den langfristigen Interessen eines Produzenten doch eher entgegenkommen als ein Wettbewerb mit unkalkulierbarem Zuschauer-Voting.
Keine Frage, bei so was kann ein Profi viel mehr Einfluss nehmen. Andererseits finde ich diese Kommunikation zwischen Jury und Fans auch spannend. Wir hatten dieses Jahr zwei super Sängerinnen: Fancisca Urio, die ein bisschen an Whitney Houston erinnert, und Lisa Bund. Die flogen raus, obwohl wir Juroren die gelobt haben ohne Ende. Da wählen sich eben überwiegend kleine Mädchen die Finger wund für einen 16-jährigen mit blauen Augen wie Martin Stosch. Dagegen hat eine 26-jährige Frau wie Francisca keine Chance. Aber man darf das alles nicht so dramatisch sehen. Francisca und Lisa werden ihren Weg schon machen.
Dann ärgern Sie sich also nicht darüber, dass die Sieger der ersten drei Staffeln den Erwartungen nicht standhielten?
Wenn ich das nicht geträumt habe, hat unser erster Superstar Alexander Nummer-Eins-Hits gehabt und Platin erreicht – mit mir als Produzenten. Der ist jetzt auch nicht gerade der Wahnsinnssänger, aber der trifft die Töne und sieht gut aus. Dass es schwierig ist, einen Dauerbrenner hinzukriegen, ist eine andere Sache. Die Teenies werden heute rasend schnell erwachsen, und die nächste Generation kann dann mit einem wie Alexander schon nichts mehr anfangen.
Die beiden Sieger der Nachfolgestaffeln floppten total.
Ach ja, die Rockabteilung. Überraschend kam das nicht. Tobias Regner, der Vorjahressieger, hatte ja zumindest noch einen Nummer-Eins-Hit, bevor der abtauchte. Deshalb warne ich doch auch ständig davor, in den Motto-Shows die Rocksänger so hochzujubeln, wie mein Mit-Juror Heinz Henn das tut. Ich bin im Gegensatz zu Heinz, der seit neun Jahren nichts mehr mit der Musikbranche zu tun hat, lange genug erfolgreich im Geschäft, um zu wissen: Eigensinnige Leute wie Tobias oder in dieser Staffel Max Buskohl sind ohne Band nicht zu vermarkten. Oder nehmen Sie Elli. Die hat mit ihrer Röhre die zweite Staffel gewonnen und war kurze Zeit später weg vom Fenster. Wir suchen formbare Talente und keine Frontmänner oder Heulbojen wie Björk. Das sind marktstrategisch zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Aber das kapieren Altrocker wie Heinz Henn einfach nicht.
Wobei vergeht Ihnen, dem Berufsoptimisten, noch der Spaß?
Der Spaß vergeht mir nie. Wenn ich, wie im Dezember in Moskau, auf der Bühne meine Musik mache und unten geht die Party ab, da freue ich mich dermaßen. Und das spüren die Leute. Ich grinse mir da ja keinen ab, weil ich es muss. Ich bin so!
Dann sind Sie ein seltener Fall von authentischem Superstar?
Richtig.
Noch eine sehr persönliche Frage zu Ihrer heimlichen Musik-Leidenschaft: Haben Sie schon verfügt, welche Musik auf Ihrer Beerdigung gespielt werden soll?
Nein. Was mich für die Zeit nach meinem Leben interessiert, ist das Erbschaftssteuerrecht, schließlich mache ich das alles auch für meine Kinder. Was die auf meiner Beerdigung spielen werden, ist mir völlig egal. Ich muss es ja nicht mehr hören.
Interview: Mark Obert
Das Interview
Der Produzent, Sänger und Musiker Dieter Bohlen wurde am 7. Februar 1954 im ostfriesischen Berne geboren. Er studierte in Göttingen Betriebswirtschaft und stieg schon währenddessen ins Pop-Geschäft ein. Als Produzent etablierte er sich mit Chris Normans “Midnight Lady” (1986) und zudem auch auf der Bühne mit Thomas Anders in dem Duo Modern Talking (bis 1987).
In den neunziger Jahren war es um Bohlen ruhiger geworden. Erst seine 30-Tage-Ehe mit Verona Feldbusch bescherte ihm wieder große Schlagzeilen.
Mit der Auftaktstaffel von “Deutschland sucht den Superstar” (2002) kehrte der Erfolg zurück. Bohlen fungiert dort als Juror und Produzent. Bei DSDS steigt am Samstag das große Finale der vierten Staffel (RTL, 20.15 Uhr). Favorit ist Mark Medlock. Der 28-jährige Offenbacher gilt nicht nur für Dieter Bohlen als das bislang größte, bei DSDS entdeckte Talent.








Gutes Interview. Dieter Bohlen gibt fachliche, nachvollziehbare Fakten.