Kitty Hoff & Fôret Noire: Blick ins Tal

10:27 Uhr » Autor Arne 

KittyHoff_BIT0701.jpgManchmal sind es die kleinen Dinge des Lebens und die leisen Töne, die allen gefallen. Kein Pomp, kein überfrachteter Anstrich. Einfach nur Lounge, Jazz, Bossa Nova und ein bisschen Ska. Und das alles in deutscher Sprache. Aus Berlin. Für Euch. Kitty Hoff & Forêt-Noire.

Reinhören bei Kitty Hoff & Fôret Noire

Text und Interview: Arne Löffel

Partysan: Das Urteil über Dein Album ist eigentlich recht einmütig: „Das ist zwar gar nicht wirklich meine Musik, aber ich find’s schön.“ Ist das nicht das größte Kompliment, das man einem Musiker machen kann?
Kitty Hoff: Das ist in der Tat ein schönes Kompliment, das wir auch öfter zu hören bekommen. Aber im Grunde ist es auch schade, dass wir noch ein Nischenprodukt sind. Manchmal habe ich den Eindruck, hier Pionierarbeit leisten zu müssen. In Frankreich ist die Szene ja viel größer. Wohl auch, weil Jazz und Chanson dort mehr verwurzelt sind. Aber Jazz mit deutschen Texten, das ist zumindest für die Radios noch nicht interessant.

Meinst Du, es liegt an den deutschen Texten?
Denke schon. Wir haben als Begründung einer Absage von einem Radiosender gehört, dass der deutsche Gesang von den Moderationen ablenken würde. Die wollen, dass man länger über die Moderationen nachdenkt, wenn die Musik läuft. Und deshalb spielen sie Musik, deren Texte man nicht gleich versteht. Dabei sind es doch gerade unsere Texte, auf die wir das meiste Feedback bekommen.

Worum geht es denn bei Kitty Hoff?
Es geht um meine Sicht der Welt. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass ich mit der Welt besser zurecht komme, wenn ich mich über die Dinge erhebe. Wenn ich versuche, mich nicht zu sehr in den kleinteiligen Details zu verlieren. Wenn ich irgendwie den Kopf frei bekomme.

Und deshalb heißt das aktuelle Album nebst Titeltrack auch „Blick ins Tal“? Das Lied und der Text trifft meine Stimmung schon recht gut, ja. Der Blick ins Tal öffnet sich und gibt Raum für Freiheit. Auch die Melancholie voller Leichtigkeit beschreibt meinen Charakter ganz gut. Ich bin voller Schwermut, Sehnsucht und Fernweh – aber ohne dabei depressiv zu sein. Das Lied ist wie ein ereignisreicher Tag zu verstehen, der am Ende einen Überblick verleiht.

Ist es wirklich beim Blick ins Tal entstanden?
In der Tat, das war an einem Kloster in Bad Staffelsheim, wo mir der „Junge Songpoeten“-Preis verliehen wurde. Eine traumhaft schöne Gegend, von der ich bis dato noch nie gehört hatte. Die Gegend bei diesem Open-Air-Festival hat mich sehr beeindruckt. Ich war vorher noch nie im Sommer in den Bergen und kannte die Landschaft nur vom Wintersport.

Das Artwork zu „Blick ins Tal“ passt dann ja sehr gut zu diesem Titel: Du in den Bergen mit einem Falken zu Deinen Füßen. Eine gelungene Foto-Montage, möchte man meinen…
Alle denken immer, dass es ein montiertes Bild sei. Aber das war wirklich alles genau so. Wir hatten das Foto-Shooting mit einem Falkner in einem winzigen Bergdorf in Liechtenstein. Ich war einen Tag lang mit dem Falkner unterwegs und habe eine Menge über seine Arbeit gelernt. Und der Falke saß wirklich zu meinen Füßen, als das Bild aufgenommen wurde. In dem Dorf leben übrigens mehr Falken als Menschen.

Deine Texte geben einen Einblick in Deine Sicht der Dinge, sind gleichzeitig Ratgeber und Abbild Deiner Wünsche. Wie sieht der Alltag von Kitty Hoff aus?
Ich lebe mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in Berlin-Mitte, komme aber aus Münster in Nordrhein-Westfalen. Mein Mann und ich sind hierher gezogen, weil wir immer in Münster gelebt hatten und dann was großes Neues wollten. Wir sind einfach ganz blauäugig von Münster nach Köpenick gezogen. Das war erst mal ziemlich furchtbar. Aber wir haben uns zunächst gescheut, mit den Kindern mitten in die Stadt zu ziehen. Obwohl wir heute natürlich wissen, dass alles viel entspannter und einfacher ist. Gerade mit Kindern. Mein Mann arbeitet als Reinzeichner und ich lebe von dem Vorschuss, den der Musikverlag ausgespuckt hat. Also alles ganz normal, so weit man das bei einer Künstler-Familie so nennen kann.

Welche Situationen verarbeitest Du in Deinen Texten, die einen weiteren Fokus abverlangen?
Traumatische Erlebnisse gibt es nicht viele in meinem Leben. Wenn man von einem halbjährigen Aufenthalt in Oklahoma mal absieht. Da war ich mit 16 Jahren, so eine Art schulisches Programm. Ich bin da in einem Sekten-Haushalt gelandet. Total auf dem Land, auf einer Farm, weit weg von allem. Furchtbar.

Was war denn so furchtbar?
Zum Beispiel ein regelmäßiger, vierstündiger Gottesdienst, der eher einer Teufelsaustreibung glich. Ich habe mich da sehr fremd und allein gefühlt, die Pflege-Eltern waren sehr streng. Schon fast krankhaft. Ich hatte Kassetten von Udo Lindenberg mit, die habe ich dann mal gespielt. Die Mutter hat das mitbekommen und mir zu verstehen gegeben, dass Rock-Musik in diesem Haushalt verboten ist. Ich habe sie dann heimlich mal gespielt und sie hat das rausgekriegt. Dann hat sie ihre Tochter damit beauftragt, die Kassetten im Garten mit der Axt klein zu hacken. Hat sie dann auch gemacht. Ich habe sehr lang gebraucht, um meine Eltern davon zu überzeugen, dass ich wieder nach Hause muss. Diese Gefühle kommen relativ oft hoch, besonders oft, wenn ich Texte schreibe. Das sind Situationen, in denen ich mich unbedingt auf eine höhere Ebene begeben muss, damit ich mich nicht in diesen Gefühlen verliere.

Seit wann schreibst Du denn eigene Texte? Schon als Teenager?
Meine musikalische Karriere begann ganz klassisch mit Blockflöte, Klavier, Kammerchor und Hausmusik in Münster/Westfahlen. Unter anderem auch mit meinem Stiefbruder Philipp, der jetzt Gitarrist bei Fôret-Noire ist. Ich habe also immer nur interpretiert. Als ich nach Berlin kam, habe ich in Köpenick die ersten Skizzen zu Papier gebracht, die Band gab’s damals noch gar nicht. Die such’ ich mir dann später, habe ich mir gedacht.

Wann hast Du die Band denn zusammengetrommelt?
Als ich ein 14-tägigies Stipendium der Stadt Berlin für einen Aufenthalt im Tonstudio bekommen habe. Da habe ich Philipp angerufen und ihn in die Band eingeladen. Er kannte den Drummer, den Bassisten haben wir über eine Anzeige gesucht und der wiederum kannte den Pianisten. Aus dem Studio-Stipendium ist unser erstes Album „Rauschen“ entstanden. Das war im Jahr 2005.

Ihr habt mit Virgin ja einen Major-Deal, Du beschreibst Dich aber trotzdem als Nischenprodukt. Wie geht das denn zusammen?
Wir haben großes Glück mit Virgin gehabt, weil die immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Künstlern sind. Vorher habe ich die ganzen kleineren Labels abgeklappert, aber nur Absagen erhalten. Erst zum Schluss bin ich an die Majors herangetreten.

Wieso haben Euch die Kleinen abgesagt?

Weil der Markt hierfür anscheinend noch nicht groß genug ist und gerade deutschsprachiger Jazz keine Lobby hat. Die Deutschen schauen immer erst mal, was denn im Ausland schon funktioniert hat und trauen nicht wirklich dem eigenen Markt. Es gibt wenig Risikofreude und nur wenige Visionäre in der deutschen Musikszene. Wir haben auch bekannte Künstler wie Götz Alsmann um Unterstützung gebeten, aber von denen kommt gar nichts. Und auch Reinhard Mey zum Beispiel fördert nur deutsche Musiker, wenn sie im Ausland Erfolg haben. Weil er selbst ja auch erst in Frankreich erfolgreich war. Dabei braucht jeder Musiker Unterstützer in seiner Szene. Mund-zu-Mund-Propaganda ist zwar auch toll, das dauert aber 20 Jahre. Um so betrüblicher ist es, dass uns die Radio-Stationen nicht wirklich spielen. Die Resonanz aus dem Print-Bereich ist gut, aber Radio könnte und müsste besser sein.

Für wen machst Du denn Musik? Wer ist denn Dein Zielpublikum?
Erst mal natürlich jeder, der Musik mag. Auf den Konzerten sieht man das ja, dass da alles vertreten ist. Natürlich abhängig von der jeweiligen Location.

In welchen Locations trittst Du denn gerne auf?
Hmmm… Also ein Theater ist auf jeden Fall besser als eine Fabrikhalle. Das passt besser zur Musik. Ich mag ein erzählerisches Ambiente. Durch versiffte Clubs bin ich nicht gezogen, nicht mal privat. Ich mag den geschützten Raum der Bühne.

Wieso „geschützter Raum“? Du gibst doch viel von Dir preis.
Klar. Aber die Rollen sind klar verteilt. Ich erzähle, das Publikum hört zu. Und danach geht jeder seiner Wege. Ich finde es einfacher, auf der Bühne viel von mir zu geben, als in einem Club einen völlig Fremden kennen zu lernen. Das ist weniger komplex und kompliziert.

Wie wichtig sind Dir dann die Reaktionen des Publikums?
Die sind schon wichtig, aber bitte nicht so direkt. Ich finde es unangenehm, wenn die Leute nach dem Konzert kommen und meine Texte kommentieren. Noch schlimmer finde ich aber, wenn Leute nach dem Konzert ein Autogramm haben wollen mit vorgegebenen Worten wie:„Das Konzert, auf dem ich den Text vergessen habe, Deine Kitty Hoff“ oder so ein Käse. Das ist wirklich distanzlos.

Wo soll’s denn mit Deiner Musik noch hingehen?
Ich will auf jeden Fall weiter machen und es wäre schön, wenn sich diese Art von Musik auch in Deutschland etablieren könnte. Dafür müssten allerdings noch die Rahmenbedingungen geschaffen werden. In Frankreich zum Beispiel bekommt jeder Künstler, der mindestens 50 Auftritte pro Jahr nachweisen kann, ein staatliches Gehalt. Das ist nicht viel, aber ein Anfang. Ich würde auch sehr gerne in Frankreich mit meiner Musik Fuß fassen. Aber das ist als deutscher Künstler natürlich recht schwierig. Ich habe aber schon eine Empfehlung vom Goethe-Institut, damit will ich auf eigene Faust in Frankreich für mich werben. Aber die Mühlen mahlen langsam…

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