…und diesmal oben ohne!
GusGus, eine Live-House-Punk-Rock-Band aus Island, gastiert am Mittwoch, 2. Mai, im Moussonturm Frankfurt. Dieses Konzert möchten wir allen Liebhabern von freakiger Musik ans Herz legen. Denn GusGus sind nicht nur absolute Rampensäue, sie rocken einfach das Haus und haben zudem noch ein gutes Gespür für eingängige Melodien. Außerdem präsentieren sie nach fünf Jahren Abwesenheit jetzt ihr neues Album “GusGus Forever”.
„GusGus Forever”, schreit uns das Cover des kürzlich erschienenen Longplayers auf Pineapple Records entgegen. Das Album über Freundschaft, Liebe und den Willen, sich selbst zu opfern bedient gekonnt die Hörgewohnheiten der GusGus-Fangemeinde, ohne ein bloßer Aufguss des Vorgängeralbums „Attention” zu sein. Lüsterne E-Bass-Lines schmiegen sich an den eingängigen Gesang von President Bongo und Earth. Sie halten uns dazu an, unseren Alltag zu erotisieren und zu politisieren, zu polarisieren und aufzubegehren. GusGus Forever.
Text und Interview: Arne Löffel
Partysan: Fünf Jahre sind vergangen, seitdem Ihr das Vorgänger-Album „Attention” veröffentlicht habt. Was habt Ihr in der Zwischenzeit getrieben?
President Bongo: Wir waren ja allein dreieinhalb Jahre mit „Attention” auf Tour und auch privat ist in den vergangenen fünf Jahren viel passiert. Da gab’s ein paar Kinder und Fluktuationen in der Band. Ein Musiker verließ uns aus persönlichen Gründen. Ich glaube, er wollte einfach mal was anderes machen. Außerdem mussten wir uns ja auch noch ins Studio zurückziehen, um das neue Album einzuspielen. Da sind fünf Jahre keine lange Zeit.
Wie viele Tracks des neuen Albums sind denn bereits auf Tour entstanden?
Gar keiner. Wir komponieren niemals, wenn wir auf Tour sind. Wir brauchen unser Studio, unsere Instrumente und das echte Proberaum-Feeling. Wir produzieren nicht mit Software, das kickt uns nicht. Wir wollen wirklich was in der Hand haben, etwas Reales und Physisches. Und von daher ist Komponieren auf Tour bei uns nicht angesagt.
Seht Ihr die Produktion an Euren Alben als Gesamtkonzept? Oder ist das eher ein Patchwork, eine lose Zusammenstellung?
Ein Gesamtkonzept? Neee, das passiert alles eher zufällig. Wir komponieren Track für Track und improvisieren viel. Live zu spielen ist genau unser Ding. Je facettenreicher ein Album von uns ist, desto mehr Zeit haben wir da rein gesteckt. Das ist dann ja auch logisch. Die Stimmungen variieren, es passiert viel um uns herum und so ist auch auf „Forever” jeder Track als alleinständiges Werk zu betrachten. So was wie ein Gesamtkonzept gibt’s bei uns nicht. Nur Werte.
Und welche Werte sind das?
Speziell bei „Forever” sind es Freundschaft und Courage. Wir arbeiten auf „Attention” und „Forever” mit vielen Gastmusikern und Backing Vocals, außerdem hat der Gitarrist Daníel Ágúst wie immer einen starken Einfluss auf unseren Output. Das ist schon nicht mehr Kollegialität, das ist Freundschaft. Und Freundschaft hält für immer, „Forever”, wenn sie stabil und gefestigt ist. Deshalb wollte ich auch einen Albumtitel, der das widerspiegelt.
Wenn Du „Forever” mit „Attention” vergleichst: Was ist neu, was ist anders?
Wir haben gar nicht so viel anders gemacht. Wir haben unseren Sound, den wir alle mögen, und wir haben auch keine radikalen Veränderungen an ihm vorgenommen. Eigentlich haben wir diesmal nur andere Klamotten an.
Um bei dem Bild zu bleiben: Welche Klamotten passen denn zu „Attention” und welche zu „Forever”?
Puuuuuh… Das ist schwer. Aber ein lustiges Bild, das mit den Klamotten und der Musik. Warte… Ich würde sagen, dass wir bei „Attention” straighte Klamotten anhatten. So was wie ne geile Lederhose und ne Lederjacke. Immerhin war „Attention” ja ein sehr kompromissloses Album. Und diesmal spielen wir… Oben ohne!
Wo wir gerade bei oben ohne sind… Es gibt einen Titel auf dem Album, der heißt: „If You Don’t Jump, You’re English”. Den Witz kapier ich nicht.
Da ist auch kein Witz. Das ist ein politischer Song.
Echt? Auch das kapier ich nicht.
Das ist auch schwer für jemanden, der noch nie in Argentinien war. Also pass auf. Ich war mal in Buenos Aires auf einem Fußballspiel. Die Argentinier haben gegen eine englische Mannschaft gespielt und es waren massig Fans der Engländer da. Und das Spiel war richtig scheiße. Total langweilig. Die Engländer haben nur rumgestanden und sich gar nicht richtig angestrengt. So, als ob sie gar nicht wirklich Lust auf das Spiel hätten. Und dann sind 60.000 Argentinier aufgestanden und auf der Tribüne rumgehüpft. Dabei sangen sie auf Spanisch: „If You Don’t Jump, You’re English”. Dazu gehören jetzt noch ein paar historische Informationen. Du erinnerst Dich doch bestimmt an den Falkland-Krieg, wo die Briten gegen die Argentinier um diesen südlichsten Zipfel Land von Südamerika gekämpft und auch gewonnen haben. Deshalb sind die Argentinier auf die Engländer nicht besonders gut zu sprechen. Somit ist „If You Don’t Jump, You’re English” sogar ziemlich deep, finde ich. Und es ist ein Sprichwort aus dem alltäglichen Sprachgebrauch der Argentinier. Wenn sich jemand nicht richtig anstrengt, wenn er nicht alles gibt, sich nicht selbst für die gute Sache opfert, dann sagt man das da so.
Habt Ihr auch vor, den Titel in England live zu spielen?
Das haben wir schon.
Und?
Alle sind rumgehüpft. Das ist wieder mal ein eindeutiges Indiz dafür, dass eine Nation nicht immer hinter der Politik ihres Landes stehen muss. Da braucht man nur die Aktivitäten der Briten in Irak zu betrachten.
Bist Du ein sehr politischer Mensch?
Ich? Eigentlich gar nicht. Ich mag nur Gerechtigkeit, Wahrheit und Ehrlichkeit. Was mich wirklich betrübt ist, dass die Politik heutzutage so korrupt und abgeschmackt ist. Sogar in Island regieren die Konzern-Imperien, ruinieren unser Volk und unsere Natur. Hier wird ein großes Aluminium-Werk gebaut und den Menschen wird vorgegaukelt, dass unser Land ohne Aluminium keine Zukunft habe. Dass wir alle in der Aluminium-Industrie arbeiten müssten. Dabei ist die Herstellung von Aluminium eine echte Umwelt-Schweinerei, sie verbraucht viel Energie und fast noch mehr Land. Ich halte das für absoluten Schwachsinn. Das Kapital unseres Landes ist nicht das Aluminium, es ist die unverbrauchte und unberührte Natur. Das wird alles aufgegeben – für ein paar Hundert Arbeitsplätze und die Aussicht darauf, dass wenige noch reicher werden und der Staat ein paar Steuern mehr einnimmt. So was brauchen wir hier nicht.
Ähnlich gesellschaftskritisch und destabilisierend geht es ja auch bei Deinen Ausstellungen zu, die derzeit noch in Island zu sehen sind.
Kann man durchaus so sehen, ja. Ich habe derzeit eine Ausstellung mit Fotos, die Breakdancer vor bekannten Gebäuden überall auf der Welt zeigen. Vor dem Kreml, dem Eiffelturm und so weiter. Am Anfang war das mehr so ein Gag von mir, dass ich diese Fotos gemacht habe. Aber es ging weiter und weiter und irgendwann hatte ich dann 35 oder 40 Gebäude und Städte zusammen.
Und darauf ist immer der Breaker vor dem Monument zu sehen?
Genau. Ich stelle damit in Frage, was jetzt stabil und was beweglich ist. Ich möchte damit gegen Monumente in der Welt und der Gesellschaft ankämpfen, weil alles Statische die Weiterentwicklung und das Leben bremst. Deshalb auch der Breaker vor den Monumenten, der die Welt auf den Kopf stellt. Das ist ungefähr so, als würde man einen Techno-DJ in den Tourbus von Phil Collins stellen. Vielleicht mache ich mal ein Buch aus den ganzen Bildern, im Moment ist die Ausstellung aber nur in Island zu sehen.
In Deiner Ausstellung hast Du ja auch einen Club aus Island nachgebaut.
Ich habe den „Sirkus”, einen meiner Lieblingsclubs, in einer kleinen Galerie nachgebaut. Allerdings habe ich da die Tanzfläche so erhöht, dass sie auf einer Ebene mit der DJ-Kanzel ist. Ich habe die Leute also zu dem DJ gebracht, nicht umgekehrt. Auf dem Boden steht: „Ein Platz für Tiere und Menschen”.
Auf Deutsch?
Ja, auf Deutsch. Deutschland ist das Heimatland des Techno. Und deshalb gibt’s als Klanginstallation nur eine Bassdrum. Sonst nichts.
GusGus gibt es ja auch als DJ-Team. Was machst Du denn lieber? Live spielen oder auflegen?
Das kann man nicht vergleichen, finde ich. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann bin ich viel mehr President Bongo. Beim Auflegen bin ich viel mehr Steph. Live spielen ist viel mehr sexy, beim Auflegen versuche ich die Crowd auf eine andere Weise zu erreichen. Hier erzähle ich eine Geschichte, die ich mit den Stücken von GusGus verwebe. Auflegen ist viel cleaner als ein Konzert zu geben. Das ist irgendwie dreckig, aber geil.










