Gema auf dem Prüfstand

13:50 Uhr » Autor Arne 

GEMAjpg.jpgHeute werfen wir ein neues Thema in die Diskussion. Das hat zwar nicht direkt was mit Hessen rockt zu tun, ist aber für alle Beteiligten mehr als interessant. Wir haben mit der Gema vereinbart, dass wir in Zukunft auch eine wöchentliche Fragerunde mit Experten der Gema zu ihrem Verein und zu den Umstrukturierungen in die Wege leiten. Wenn Ihr also Interesse am Gema-Thema habt, lasst es uns wissen und diskutiert eifrig mit.

Den Schutz des geistigen Eigentums gibt es seit Goethe. Ihm gelang 1825 für sein Werk eine “Ausgabe letzter Hand” und damit so etwas wie das erste Urheberrecht. Über die Wahrung des Urheberrechts und artverwandter Rechte wie das Nutzungsrecht wachen in Deutschland die Verwertungsgesellschaften, wirtschaftliche Vereine, unter der Kontrolle des Patentamts. Sie erbringen damit eine den Staat entlastende Tätigkeit, die vor allem den Urhebern zugute kommen soll. Wer Worte, Bilder oder Musik öffentlich aufführt, wird von den Verwertungsgesellschaften zur Kasse gebeten, weil die Urheber keine Möglichkeit haben, selbst alle Kanäle zu kontrollieren. Jedes Jahr kommen so rund 1,1 Milliarden Euro zusammen.

Die Zukunft der Verwertungsgesellschaften in Deutschland wird derzeit in der Enquete-Kommission des Bundestages intensiv diskutiert. “Niemand zweifelt die Daseinsberechtigung der Verwertungsgesellschaften an”, sagt Gitta Connemann (CDU), Vorsitzende der Enquete-Kommission, die auch das Thema auf die Tagesordnung brachte. Trotzdem müsse die Arbeit der Gesellschaften überprüft werden, weil die Europäische Union zunehmend Transparenz, Effizienz, Mitbestimmung und Kontrolle dieser Gesellschaften kritisiere.

“Pseudodemokratisch”

Die größte und zugleich bekannteste deutsche Verwertungsgesellschaft ist die Gema. Seit etwa 100 Jahren wahrt diese “Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte” mit Sitz in München die Interessen der Komponisten, Texter und Verleger. 60 000 Menschen sind in der Gema organisiert, 334,506 Millionen Euro hat sie im Jahr 2004 an ihre Schützlinge ausgeschüttet. Ungefähr der gleiche Betrag, so Gema-Vorstandssprecher Jürgen Becker in der Kommission, gehe an Berechtigte im Ausland, 14 Prozent schluckt die Verwaltung (allein die drei Vorstände kassieren zusammen pro Jahr mehr als eine Million Euro). So kommt die Gema auf ein jährliches Haushaltsvolumen von etwa 800 Millionen Euro.

Trotz dieser augenscheinlich positiven Bilanz knackt’s im Gebälk der Gema. In den November-Nachrichten des Vereins ist ein Artikel von Jörn Pfennig, selbst Komponist und Texter, zu lesen, der die Struktur der Gema als “pseudodemokratisch” anprangert. Zentraler Punkt seiner Kritik ist die Dreiteilung der Gema-Mitglieder. Denn obwohl Vorstandssprecher Becker in der Komission sagt, dass die Gema “eine Basisdemokratie” sei, in der die Vorschläge “aus den Tiefen der Mitgliedschaft” umgesetzt würden, sehe die Realität meist anders aus.

Zentrales Entscheidungsgremium der Gema ist die Mitgliederversammlung. Zu der haben - außer dem Vorstand - allerdings nur fünf Prozent der Mitglieder Zutritt. Diese so genannten “ordentlichen Mitglieder”, etwa 3000 an der Zahl, haben dort jeweils volles Stimmrecht. Die “außerordentlichen Mitglieder”, etwa 6000, und die 51 000 “angeschlossenen Mitglieder” haben keinen Zutritt zur Mitgliederversammlung und dürfen nur 34 Delegierte in die Versammlung entsenden.

Wer zu welcher Gruppe gehört, darüber entscheidet das Aufkommen, das die Mitglieder pro Jahr mit ihren Werken erzielen. Komponisten und Textdichter werden ordentliches Mitglied, wenn sie insgesamt wenigstens 30 677,51 Euro binnen fünf aufeinander folgender Jahre sowie 1840,65 Euro per annum in vier Folgejahren einspielen. Das ist die höchste Stufe der Mitgliedschaft.

Die niedrigste ist die des angeschlossenen Mitglieds, das jeder Urheber werden kann. Die außerordentliche Mitgliedschaft unterscheidet sich von der angeschlossenen Mitgliedschaft nur in einem Punkt: Sie stellt eine Vorstufe zur ordentlichen Mitgliedschaft dar. Zudem müssen Urheber für die außerordentliche Mitgliedschaft mindestens fünf Veröffentlichungen nachweisen.

Dieses zahlenmäßige Gefälle von fünf Prozent “oben” und 95 Prozent “unten” hält Pfennig für ungerecht. Denn mit der Unterscheidung der Mitglieder werde nicht nur die von Becker beschworene Basisdemokratie ausgehebelt. Die Sozialleistungen der Gema bleiben den ordentlichen Mitgliedern vorbehalten, die restlichen Gema-Mitglieder können nur in Ausnahmefällen von Rente und Sterbegeld profitieren.

Der Justiziar der Gema, Stefan Müller, erklärt die Teilung der Mitglieder damit, dass die kleine Zahl der wirtschaftlich erfolgreichen Urheber nicht von der Mehrheit der weniger Erfolgreichen beherrscht werden soll. Das sieht auch Pfennig nicht vor. Seine Idee ist, die nur außerordentlichen Mitglieder ebenfalls zur Mitgliederversammlung zuzulassen und so mehr direkte Beteiligung in den Verein zu bringen.

Besonders heftig kritisiert Pfennig, dass die “Oberen” in der Gema über den Rest der Mitglieder, “vor allem aber über sich selbst” bestimmen. In der Mitgliederversammlung werden Verteilungsmodalitäten, Ausschüttungen, Pensionen und auch die Eintrittsschwelle in den “erlauchten Kreis” geregelt. Bemerkenswert ist, dass die ordentlichen Mitglieder knapp 63 Prozent der Tantiemen, im Jahr 2004 immerhin 210,431 Millionen Euro, unter sich aufteilen. Dazu Becker: “Weil sie ordentliche Mitglieder sind und das erwirtschaften. Weil sie erfolgreich sind. Das ist das Repertoire, das gespielt wird.” Der rechtlich abgesegnete Verteilungsschlüssel sei keine Willkürhandlung.
Reformpläne

Parteien sehen Handlungsbedarf

Dieser könnte sich aber bald ändern: Im Herbst gibt die Kommission Empfehlungen an den Bundestag, die bisherigen Statements sprechen eine klare Sprache. Monika Griefhan, SPD-Vertreterin in der Enquete-Kommission, will die Position der quasi stimmlosen Masse stärken: “Die wirtschaftlich schwächeren Urheber sind nicht weniger wertvoll für das kulturelle Leben in Deutschland, oft sind sogar gerade sie es, die mit besonders innovativen Ideen die Musikszene bereichern und Entwicklungen vorantreiben. Deswegen ist es wichtig, dass innerhalb der Gema ernsthafte Überlegungen angestellt werden, wie das Verhältnis in den Urhebervertretungen zukünftig verbessert werden kann.”

Auch der FDP-Vertreter Christoph Waitz sieht Reformbedarf: “Mit Rücksicht auf die Quasi-Monopolstellung der Gema in Deutschland wäre es sinnvoll, die Aufnahmevoraussetzungen für ordentliche Mitglieder zu erleichtern. Das kann durch eine Verkürzung der Wartezeit von bislang fünf Jahren und eine Reduktion der Mindestaufkommen erfolgen.” Das, kombiniert mit Änderungswünschen der CDU-Frau Connemann, könnte die demokratische Struktur der Gema nachhaltig beeinflussen. Die Vertreterin der Grünen wollte sich nicht zum laufenden Verfahren äußern.

Gema

Die Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) ist eine Ver- wertungsgesellschaft, die in Deutschland die Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte von denjenigen Komponisten, Musikern und Verlegern von Musikwerken vertritt, die in ihr Mitglied sind.

Wer Musik öffentlich aufführt, abspielt oder vervielfältigt, muss eine Gebühr an die Gema zahlen, die diese abzüglich der Verwaltungskosten an die Berechtigten ausschüttet.

VON ARNE LÖFFEL

Weitere Artikel zum Thema:

Black Box Gema - Diskothekenmonitoring
Erste Auswertung der Black Box
Homepage der Gema
Illustration mit freundlicher Genehmigung von Manfred Renner

10 Kommentare zu “Gema auf dem Prüfstand”

  1. Norbert Bartham 18 Apr 2007 um 17:45 Uhr

    Liebe Leute,

    in der Tat ein hochinteressantes Thema. Ich hab da vor Jahren auch schon mal daran herumgedocktort und damals einge Sachen ins Netzt gestellt. gemaestet.org -> links -> gema.
    Eigentlich sollte die mal aktualisiert werden.Eine kleine Anregung für dieses Forum -dem ich einen regen Zugriff wünsche- sind sie allemal.

    Neben der eher hinderlichen Rolle bei der Entfaltung lebendiger Kultur und einer Tarifstruktur, die kleine Kulturveranstalter und wenigverdienende Künstler gleichermaßen überproportional strapaziert gehören auch die innerverbandlichen Demokratidefizite in die Debatte. Die beiden Artikel aus den GEMA-Nachrichten sind da sehr lesenswert http://www.gema.de/presse/news/n174/

    Norbert Barth

  2. Markusam 19 Apr 2007 um 14:24 Uhr

    Hallo Hessen Rockäärs,
    das ist alles schön und gut, nachvollziehbar (ok für mich nur partiell) und mag auch seine Daseinsberechtigung haben.
    Aber wir befinden uns hier auf dem Forum eines Coverband Wettbewerbes, dementsprechend liegen die Interessen denke ich ein wenig anders…oder???!!!
    Hier versammeln sich Musiker die ihr Geld (ja ja …wenn es denn mal welches gibt) mit dem Covern andere Künstler verdienen, da ist GEMA doch eher ein Reitzwort.
    Meine Fragen wären z.B.:
    1.Dürfen Veranstalter ihre GEMA Gebühren auf die Künstler abwälzen ..und welche Summen werden hier bei Veranstaltern aufgerufen?
    2.In welcher Länge und Anzahl darf man Demo Songs auf die HP stellen.
    (mein letzte Info/ Pauschalgebühr von 100€ pro Jahr =10 Titel 20Sek oder 5 Stücke 1Minute).
    3.Was ist mit Videos die man auf der HP veröffentlicht?
    4.Wie sieht das Ganze bei Demo CDs oder DVDs aus?
    5.Wird man bei Verstößen direkt zur Kasse gebeten oder gibt es ein Chance zur „Korrektur“
    Ich habe das Gefühl das hier noch viele die Methode „wird schon gut gehen“ anwenden…oder bin ich alleine der Depp der den Schuss nicht gehört hat?!

    Greez
    M.

  3. arneam 19 Apr 2007 um 14:31 Uhr

    @Markus: Das ist genau die Art von Diskussion, die wir damit anstoßen wollen. Die Gema hat uns zugesagt, diese und noch viel prinzipiellere Fragen in einem regelmäßigen Turnus zu beantworten, damit die Community hier auch mal weiß, was legal, was illegal ist - und was der ganze Spaß kostet. Natürlich gehört dazu auch die prinzipielle Kritik an der demokratischen Struktur der Gema oder zum Beispiel der erhobenen und nicht genau zugeordneten Pauschal-Beträge. Immerhin auch noch mal 100 Millionen Euro pro Jahr.

    Aber Deine Fragen sind schon mal auf der Uhr und werden hier im Forum garantiert beantwortet.

    :o)

  4. Markusam 14 Mai 2007 um 07:53 Uhr

    …hmmm…. macht die GEMA Sommerpause oder sollte hier nur ein Jahresabschlussbericht eingereicht werden ;o) ??
    Ernsthaft …tickt die „Uhr“ überhaupt noch??
    Gruß
    Markus

  5. arneam 14 Mai 2007 um 11:11 Uhr

    Hi Markus,

    die Uhr tickt schon noch. Für meinen Geschmack auch schon etwas zu lange. Wir werden bei der Gema mal nachhaken, wo die ersten Antworten bleiben. Zugesandt wurden sie schon vor einigen Wochen…

  6. peteam 15 Mai 2007 um 21:30 Uhr

    tick tack tick tack und schon ist der sommer rum (könnte man dem wetter nach ja schon meinen, oder ?)

  7. Markusam 12 Sep 2007 um 07:49 Uhr

    …wow ..langsam ..nicht so viele Infos auf einmal ;o).
    Ernsthaft.. das war wohl nen Griff in den Ofen!!!
    M.

  8. Arneam 12 Sep 2007 um 10:50 Uhr

    …allerdings war es das. Die Gema ist wohl doch nicht mehr als eine Verwertungsgesellschaft, die sich wenig um ihren Ruf zu kümmern braucht. Schade, eigentlich.

  9. peteam 13 Sep 2007 um 22:00 Uhr

    tja, warum sollte sich die Philosophie der GEMA auch von der anderer Momopolisten unterscheiden ?

  10. moream 24 Nov 2007 um 16:56 Uhr

    hello…

    agree…

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