“Auf der Bühne, das bin ich!”
Kate Wax ist eine der faszinierenden Komponistinnen und Performerinnen der aktuellen Club-Szene. Die Schweizerin legte jüngst ihr zweites Album “The Dark Heat Collection” vor, am Freitag, 18. Mai, tritt sie live im Cocoon Club auf. Der Frankfurter Rundschau gab sie eines der wenigen Interviews, das wir Euch nicht vorenthalten wollen. Denn was Kate Wax zu sagen hat, macht das Album um so interessanter.
Frankfurter Rundschau: Dein zweites Album, „TheDarkHeat Collection“, lädt zu einer Reise in den Kosmos von Kate Wax ein. Dabei fällt auf, dass der Klangkosmos der elektronischen Musik kühl und die Texte sehr Ich-bezogen sind.Hat KateWax denn ein dunkles Herz voller dunkler Hitze?
Kate Wax: Ja und nein. Ich bin eine sehrambivalente Person.Nach außen habe ich verschiedene Gesichter, die auch niemand durchdringen kann, undinmeinem Inneren tobt ein ständiger Kampf meiner gegensätzlichen Persönlichkeiten. Ich bin voller Komplexe. Aber ich hoffe immer noch, dass ich im Grunde die Sonne im Herzen trage. Meine Musik ist die Sprache, mit der ich diesem Kampf, meinen Geistern und Dämonen, zum ersten Mal eine physische Form geben kann. Deshalb kann ich besser mit ihnen umgehen und sie auch akzeptieren.
Nun ist Kate Wax ja nur ein Logo, ein Brand, ein Künstlername. Im echten Leben bist Du Aisha Enz, 26 Jahre alt, und Du lebst bei Genf in der Schweiz. Du bist Halbtibetanerin. Gibt es einen Unterschied zwischen Kate Wax und Aisha Enz?
Nein.Wir sind einunddie selbe Person. Ich finde es witzig, dass Du das „Brand“ nennst. Denn es istwirklich ein Brand, den ich ganz bewusst gewählt habe. Er ist eingängig, leicht zu merken und total oberflächlich. Aber er hat auch eine tiefe Komponente, die meine Persönlichkeit betrifft. Das „Wax“ verstehe ich wie das Wachs auf dem Federkleid von Enten. Es macht sie wasserabweisend, und alles perlt an ihnen ab. So ist das bei Kate Wax auch. Wenn ich auf der Bühne bin,dann bin das alles durchaus ich. Ich spiele keine Rolle und kann das Publikum an meinem Inneren teilhaben lassen. Kate Wax ist Aisha Enz, nur ohne Komplexe.
Trotzdem hat auch Kate Wax anscheinend Probleme mit sich selbst. In „Defroster“ stellst Du die Frage „Is it hard to defrost my heart?“. Ist es schwer, Dein Herz aufzutauen?
Ja, es ist wirklich schwer. Ich bin keine soziale Person, vielleicht weil ich niemals gelernt habe, was Liebe ist.Nur wenige Menschen haben es geschafft, mein Herz zu erreichen. Aber ich bin immer noch eine einsame Person.
Woher kommt die ablehnende Haltung anderen Menschen gegenüber?
Ich glaube aus meiner Kindheit. Ich bin in einem sehr spießigen Umfeld aufgewachsen, und es war wirklich schlimm für mich, nicht
normal zu sein. Ich wollte nicht die exotische Aisha mit den Mandelaugen sein, sondern wie alle Jennifer heißen und blonde Haare haben.
Was war denn so spießig an Deinem Umfeld?
Ich bin bei meiner deutsch-österreichischen Großmutter aufgewachsen, weil meine Mutter ein Hippie-Mädchen war und bei meiner Geburt viel zu jung, als dass sie mich hätte großziehen können. Umgenau zu sein, war ich ein Unfall auf einer Asienreise. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Auch ein tolles Gefühl, wenn man irgendwann feststellt, ungewollt und nur ein Unfall zu sein. Jedenfalls hat mich meine Großmutter mit deutsch-österreichischen Werten aufgezogen. Die kennst Du ja bestimmt. Viel lernen, immer schön autoritär. Das war schlimm. Andererseits war ich aber auch ihr Grund zu leben und das hat sie zum Teil ein bisschen zu stark ausgelebt. Ich hatte sehr wenige soziale Kontakte.
Hast Du Dich deshalb in den Kosmos Deiner Musik zurückgezogen?
Ich mag das Wort, das Du die ganze Zeit verwendest. Kosmos. Es ist wirklich ein Kosmos. Mein Kosmos.
Ist nicht von mir. FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten hat mir mal in einem Interview gesagt, dass jeder Künstler seinen ganz eigenen Klangkosmos hat.
Boah. Ich liebe die Einstürzenden Neubauten! FM Einheit hat voll und ganz Recht. Ich nenne meinen Kosmos immer mein Königreich. Räumlich gesehen sind das mein Tonstudio und die Bühne. Beide Orte sind ein Aspekt meiner Welt, der kontrollierbar ist. Ansonsten habe ich mich schon als Kind in die Rolle des Beobachters zurückgezogen, der sich so seine Gedanken zu allem
macht.
Und? Was denkst Du da so?
Ich bin nicht damit einverstanden, wie viele Dinge auf der Welt laufen: Egoismus, Kommerz und der ganze Kram.Und sich dessen bewusst zu sein, ist frustrierend. Sehr frustrierend. Ich fühle mich in meinem Kosmos einfach viel wohler und verarbeite die Welt in meiner Musik. In dieser Sprache kann ich mich so ausdrücken, wie ich es will.
Hältst Du Deine Texte denn für eingängig und allgemein verständlich? Ich hatte an manchen Stellen meine Probleme, Deinen Gedanken zu folgen.
Das ist mir eigentlich ziemlich egal. Der Kontakt mit dem Publikum funktioniert auch eher auf einer emotionalen Basis. Ich kann das auch alles gar nicht steuern und handle instinktiv. Es geht nicht um eine bestimmte Einstellung, die ich transportieren will, es geht nicht um Spielen. Auf der Bühne, das bin ich.
Du bist ja meist alleine auf der Bühne. Keine Musikerweit und breit. Kannst Du Dir überhaupt vorstellen, mit anderen Musikern zu arbeiten?
Ich muss erstmal an mir arbeiten,um mit anderen Musikern arbeiten zu können. Der Schaffensprozess ist bei mir ’ne total egozentrische Sache. Ich hab echt ein bisschen Paranoia, mit anderen Leuten zu arbeiten. Zur Zeit bin ich aber mit dem Produzenten von Felix Da Housecat als Drummer auf Tour. Aber ist aber eher ein Werkzeug, künstlerischen Input habe ich ihm untersagt.
Wieso ist er dann überhaupt dabei?
Weil das Klangvolumen von echten Drums den Sound eines Drumcomputers bei Weitem übertreffen. Ich bin ein Fan von akustischen Instrumenten. Vielleicht wird das nächste Album auch ein Piano-Album… Mal sehen.
Wie ist dieArbeit mit einem echten Menschen auf der Bühne für Dich?
Ist schon klasse. Er trommelt ja wirklich nur auf meine Beats und ich singe dazu. Ich experimentiere auf der Bühne viel mit meiner Stimme und es ist toll, wenn er gemeinsam mit meiner Stimme lauter wird. Das ist… transzendent. Wirklich ein einmaliger Moment.
Wieso machst Du überhaupt elektronische Musik, wenn Dir akustische Instrumente so sehr liegen?
Weil ich in meinem Grafik-Design-Studium gelernt habe, mit Computern umzugehen. Vorher habe ich nur in der Schule in einem
klassischen Ensemble gesungen.Und mit meinem ersten Drumcomputer konnte ich meinen Beobachtungen zum ersten Mal Ausdruck
verleihen.
Du kommst immer wieder in Interviews auf Deinen Drumcomputer zu sprechen und redest von ihm, als sei er Dein Liebhaber.
Das mit meinem Drumcomputer ist schon sehr speziell. Ich fasse ihn die ganze Zeit an, Tag und Nacht. Er liegt quasi neben meinem Bett und wenn ich nachts aufwache, dann fasse ich ihn schon wieder an. Und all das macht ihn in meinem Kopf irgendwie lebendig, er ist mein Freund. Ich kann mich auf ihn verlassen, eben weil er kein Mensch, sondern eine Maschine ist. Ich liebe Maschinen. Wenn ich ein neues Stück Technik habe, bin ich wie ein kleines Kind.
Die Arbeit mit Maschinen schützt Dich davor, mit Menschen arbeiten zu müssen.
Ich will theoretisch schon mit Menschen arbeiten, auch künstlerisch. Aber sozial kann ich mich nicht mehr ändern, weil ich von Anfang an kaputt war.Dashabe ich akzeptiert und meinen Schmerz mit Hilfe der Maschine in etwas verwandelt, das echt ist, das ich greifen kann. In positive, physische Energie. Darf ich Dich jetzt mal was fragen?
Klar. Nur zu.
Du hast gesagt, dass Du an manchen Stellen Probleme hattest, den Gedanken meiner Texte zu folgen. Das macht nichts. Aber haben sie Dich dazu angeregt, über Dich selbst nachzudenken?
Ja, schon. Allerdings habe ichmich nicht als Dein Verbündeter im Geiste gesehen, sondern eher im Kontrast zu Dir. Ich glaube,wir sind grundverschieden, was das Soziale angeht. Ich habe heute noch viel Kontakt zu Freunden, die ich aus meiner Jugendzeit kenne. Und das will ich auch nicht missen, es ist mir wichtig.
Ich finde es fantastisch, dass Du noch viel mit Deinen altenFreundenzu tun hast. Eine solche Konstante würde ich mir auch wünschen. Aber abgesehen davon finde ich es gut, dass Du über Dich selbst nachgedacht hast, selbst wenn Du Dein Leben mit meinen Songs kontrastierst. Ich will das Publikum einbeziehen. Auch, wenn die Texte einen nicht sofort anspringen, so erzähle
ich doch aus meinem Leben. Das ist ein bisschen wie einen guten Film zu schauen. Der passiert auch auf verschiedenen Ebenen, und nicht jeder dringt zu allen Ebenen durch.
Weil Du so viel von Dir selbst in Deine Musik und Deine Texte legst: Ist es nicht eine Beleidigung für Dich, wenn nach einem Konzert jemand zu Dir kommt und den Mann kennen lernen will, der die Musik produziert hat?
Du spielst da auf eine Geschichte an, die mir mal wirklich passiert ist. In dem Slices-Interview habe ich das aber nur erzählt, als es um Feminismus ging. Wirklich beleidigt hat mich das nicht, aber es zeigt eben einen typischen Mechanismus im Musikgeschäft. Hier geht jeder davon aus, dass hinter der niedlichen Frontfrau auf jeden Fall ein hässlicher Kerl stecken muss, der die ganze Arbeit macht. In meinem Fall bin ich eben beides. Der hässliche Nerd, der die ganze Nacht vor dem Computer sitzt und das… ganz okay aussehende Performer-Girl.
Bei Deinem vorliegenden Album hast Du dann aber doch mit anderen Menschen zusammengearbeitet. Wenn auch nur über Umwege. Die zweite CD ist ein Remix-Album Deiner Stücke. Wie war es für Dich, Deine so persönlichen Werke in die Hände anderer Künstler zu geben?
Ich habe die Künstler sehr sorgfältig ausgesucht. Ellen Allien und James Holden haben mich zum Beispiel immerunterstützt, und von daher wusste ich,dass sie sorgfältig mit meiner Arbeit umgehen würden. Roman Flügel kenne ich nicht persönlich, habe aber großen Respekt vor seinen Projekten wie Alter Ego. Und das alles hat mich sehr neugierig gemacht, was wohl mit meinen Stücken passieren wird. Bei Remixen bin ich ja eigentlich immer ein bisschen old school und denke, dass Musik heilig ist und nicht mehr verändert werden soll. Deshalb sehe ich Remixe auch als eigenes Genre und nicht als Unterkategorie.
Bist Du zufrieden mit dem Ergebnis?
Es war eine Ehre für mich. Die Ergebnisse sind wirklich faszinierend. Sie haben meine Dämonen und Geister zu packen gewusst
Interview: Arne Löffel










