Der Entertainer als Leguan

09:51 Uhr » Autor Arne 

louie_lacht_600x800.jpgLouie Austen ist ein Künstler und Performer, der seit einigen Jahren die elektronische Musik für sich entdeckt hat und damit die Brücke zwischen Frank Sinatra und top-aktuellem Elektro-Pop schlägt. Produziert wird der 60-jährige Austen mittlerweile von Superstars: DJ Friction und Phonique haben sich seinem Schaffen angenommen – eine Liaison der Superlative. Gerade ist sein neues Album „Iguana“ auf dem Markt und es strotzt nur so vor Lebenslust.

Seinen nächsten Auftritt in Hessen hat Louie Austen am Freitag, 23. Februar, im A.R.M. in Kassel. Zwischen den ganzen Auftritten überall auf der Welt nahm er sich Zeit für ein Interview.

Reinhören bei Louie Austen

Frankfurter Rundschau: Sie gelten als Vermittler der Generationen und Versöhner der Genres. Schmeichelt Sie dieser Ruf?
Louie Austen: Natürlich. Es macht mich sehr stolz, dass ich die Chance habe, mich mit jungen Menschen zu umgeben und mit meinem künstlerischen Schaffen auch im Alter von 60 Jahren noch Twens zu erreichen. Ich habe auch nicht das Gefühl, mich dabei lächerlich zu machen. Eine 20-Jährige sagte mir mal nach einem Konzert, sie wünsche sich, dass ihr Freund genauso wie ich sein soll, wenn er mal so alt ist wie ich. Wer hat denn schon die Chance, ein Vorbild sein zu dürfen!?

Das Cover Ihres aktuellen Albums „Iguana“ zeigt sie mit einem Eidechsen-Hals. Selbstironie aufgrund Ihres Alters – oder haben Sie mittlerweile tatsächlich einen Schildkröten-Hals?
Den habe ich schon seit meiner Geburt. Ich bin einfach nicht der Brad Pitt-Typ, bei dem alle sofort schwach werden, wenn er auf die Bühne kommt. Ich muss als Musiker meine Leistung erbringen und das schöpferische Leben endet erst mit dem Tod. Außerdem habe ich mich im großen Tiergarten der Künstler schon immer als der Leguan, den Iguana, gesehen.

Wie ist das zu verstehen?
Der Leguan ist auf den ersten Blick nicht das schönste Tier. Aber wenn Kinder mit dem Papa in den Zoo gehen und dann auch das Terrarium besuchen, dann fragen sie bestimmt: „Papa, was ist denn das für ein Tier?“ Und sie werden sich nach dem Besuch länger an den Leguan, als an den Eisbär erinnern. Ich hoffe, dass ich den gleichen Erinnerungswert habe. So sollte meiner Ansicht nach auch ein Entertainer sein. Nicht unbedingt schön anzuschauen, aber er sollte erregen und bewegen. Meine Art zu leben soll mich interessant machen.

Wie ist denn Ihre Art zu leben?
Ich habe einen täglichen Heißhunger auf Neues. Darauf geht auch das erste Lied, „Passion For Life“ auf dem aktuellen Album ein. Alles, was etabliert ist, ist nicht Leben. Und hierfür brauche ich mein junges Publikum. Denn der Musikgeschmack der meisten Menschen ändert sich nicht mehr, wenn sie mal 35 Jahre alt geworden sind. Bei mir ist das nicht so. Als ich 35 war, habe ich vor allem Klassik gemocht. Ich mag auch heute noch Debussy und Ravell, auch die Ikonen meiner Jazz-Phase wie Miles Davis, aber heute bin ich ein großer Fan der elektronischen Musik.

Da passt es ja, dass Sie sich mit Phonique und DJ Friction junge Produzenten ins Boot geholt haben.
Ja, das war wirklich ein Glücksfall. Und ich bin auch sehr dankbar, dass sie die Möglichkeit erkannt haben, meinen Gesang und meine Texte mit ihrer Musik zu vereinen. Junge Menschen sind da einfach unvoreingenommener. Und ich steh total auf die spröden Melodien, mit denen meine Texte mittlerweile kombiniert werden. Das macht das alles wieder interessant.

Haben auch Sie sich als Mensch aufgrund der Arbeit mit jungen Menschen verändert?
Ich verändere mich ständig. Vor sechs Jahren habe ich alle meine schwarzen Anzüge weggeworfen und musste mir ein neues Image zulegen. Ich wollte eigentlich weite Hiphop-Klamotten tragen, aber meine Produzenten haben mich davon überzeugt, die ganze Sache stylisher anzugehen. Deshalb auch die weißen Anzüge und der weiße Hut. Das ist für mich frisch wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, das neu beschrieben werden will.

Wie drückt sich dieser Wille zur Veränderung in Ihrem Privatleben aus?
Ich weiß nicht so recht, ob das jemanden interessiert, wie ich privat bin. Und ich weiß auch nicht, ob es jemanden interessieren sollte.

Also mich interessiert das schon.
Nun, ich bin privat sehr genügsam, fahre viel Fahrrad. Auf der Bühne bin ich der coole Entertainer, der coole Lieder singt. Privat interessiere ich mich für Philosophie, für Religionswissenschaften. Ich mache mir immer wieder aufs Neue Gedanken darüber, in welche Welt ich als Nächstes eintauchen will. Ich habe lange Kendo gemacht und mir im Zuge dessen überlegt, welchem Gott ich mich zuwenden soll. Und so bin ich dann schließlich beim Buddhismus gelandet.

Das ist ja nun gar nicht der Charakter, den Louie Austen auf der Bühne verkörpert.
Doch, auch das gehört dazu. Ein Entertainer muss auf der Bühne alles geben, was er fühlt. Sonst betrügt er sein Publikum. Mein Charakter ist auf und hinter der Bühne der selbe. Er hat nur unterschiedliche Facetten.

Wie authentisch sind denn Ihre Texte? Ist das alles so autobiografisch, wie es anmutet?
Durchaus. Ich habe die Texte ja selbst geschrieben. Oder Versatzstücke anderer Künstler wie Christopher Just mit meinen Texten ergänzt.

Der Refrain von „Disco Dancer“ ist ja das Stück von Christopher Just, auf das Sie anspielen. Der Text drum herum beschreibt Ihre Karriere als Musiker, von den schmierigen Clubs bis hin zu großen Bühnen. Aber Sie behaupten, eigentlich Disco-Tänzer sein zu wollen…
Das ist reine Selbstironie. Ich musste während meiner Gesangs-Ausbildung eigentlich auch Tanz lernen. Aber das hat alles nicht so hingehauen, da hatte ich nicht wirklich viel Talent. Deshalb mache ich mich in dem Stück ein bisschen über mich selbst lustig. Ich finde es wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und sich selbstkritisch zu sehen. Das fördert die Kreativität, Stillstand ist der Tod. Da bin ich ein bisschen wie van Gogh, der auch beim letzten Scheißwetter raus musste, um die tollen Farben des Himmels zu sehen. Ich fühle mich ihm irgendwie verbunden. Er ist auch nie reich geworden, lebte aber ein konsequentes und spannendes Leben. Ich muss auch immer raus, muss alles sehen.

Daher auch die vielen Auslands-Aufenthalte und der Versuch, in den USA Fuß zu fassen?
Wien hat mich erdrückt. Hier herrscht zu sehr der Geist von Siegmund Freud. Hier ist jeder Nachbar auch gleich ein Patient. Alles wird erstickt und hier ist es eng. Meine erste Frau ist Psychotherapeutin, da habe ich ne Menge gelernt. Ich musste einfach weg von diesem Spießertum, weg von den Schrebergärten. Das kann einen kaputt machen. Aber dass ich nun nach all den Jahren wieder in Wien lebe, ist auch für mich so etwas wie eine Versöhnung mit der alten Heimatstadt. Aber sie hat auch ihr Gesicht verändert, ist weltoffener geworden. Auch das halte ich den jungen Leuten zugute.

Haben Sie denn nie eine Konstante in Ihrem Leben aufgebaut? Eine Familie?
Ich habe drei Kinder aus drei gescheiterten Ehen. Ich bin ja immer noch der Meinung, dass eine kritische Distanz zur Erziehung und zu den eigenen Kindern sinnvoll ist. Und dass Kinder schnell auf die eigenen Beine gestellt werden sollten. Aber wie wichtig eine funktionierende Familie ist, das habe ich leider erst viel zu spät erkannt. Heute kann ich kaum mehr tun, als einen freundschaftlichen Kontakt zu meinen Ex-Frauen zu pflegen. Zu den Kindern habe ich kaum Kontakt. Ich war ein unmöglicher Chaot, ein schlechter Vater und ein schlechter Mann. Das ist eben das van Gogh-Ding. Erklär mal einer Frau, dass Du schon wieder raus musst und schon wieder auf Tour gehst. Ich war schon als Student so ein unmöglicher Mensch. Ich habe Paläontologie, Meeresbiologie und Psychologie studiert, zwölf Semester lang, alles durcheinander. Aber arbeiten wollte und konnte ich in den Berufen nicht. Als Meeresbiologe sollte ich zum Beispiel Seesterne fangen und töten. Als ob es nicht genügend präparierte Seesterne auf der Welt gäbe. Eine Arbeit als Zoologe war also auch nicht möglich.

Sind Sie auch heute noch so umtriebig, was die Wissenschaft angeht?
Ich beschäftige mich auch heute noch viel mit Literatur, im Moment besonders viel mit dem Islam. Das ist eine noch offene Diskussion, die in unserer Gesellschaft zu Ende geführt werden muss. Aber als Wissenschaftler würde ich nicht arbeiten wollen.

In Ihren Texten kommt das aber nur selten zum Tragen.
Ich würde gerne ein Kriegsalbum schreiben, eigentlich bin ich sogar schon dabei. Mit einem Kollegen vom Burgtheater, bei dem ich seit einem Jahr spiele. Ein Künstler darf nicht feige sein, er muss Standpunkte beziehen. Ich bin leidenschaftlicher Grüner und oute mich auch als solcher. Auch, wenn mir das manchmal zum Nachteil gereicht. Aber als schöpferischer Mensch will ich für mein Publikum wie ein klarer See sein, in dem man bis auf den Grund sehen kann. Ganz simpel, keine doppelten Böden.

Aber Ihre Texte handeln doch meistens von der Liebe und dem Liebeskummer. Das erscheint mir wenig simpel und klar.
Eigentlich ist auch das ganz simpel. Ich bin ja schon etwas älter und habe drei Phasen im Umgang mit meinen Frauen ausgemacht. Bis 30 denkt man, man kennt sich nicht aus. Und dann glaubt man, dass man sich auskennt und weiß, wie der Hase läuft. Und dann, mit 60, habe ich erkannt, dass ich mich doch nicht auskenne.

Sie haben Ihr Alter angesprochen, Sie sind jetzt 60. Wie ist das für einen Entertainer?
Ganz schlimm, ganz schlimm. Als ich 50 wurde, war das schon gruselig, aber mein 60. Geburtstag war der reine Horror. Altern ist ein Massaker. Dass man immer nur so alt ist, wie man sich fühlt, ist ein ausgemachter Blödsinn. Ich habe mir schon nach meinem 50. Geburtstag Programme einfallen lassen müssen, wie ich mein Leben spannend machen und mich halbwegs jung halten kann. Ich habe mich zum Beispiel wieder bei einer Tennis-Mannschaft angemeldet, die auf sehr hohem Niveau spielt. Dafür musste ich dann aber auch das Rauchen und das Saufen aufgeben.

Wie ist denn das für einen Lebemann wie Sie?
Ach… Scheiße. Das ist ganz scheiße. Ich liebe Rauchen, ich liebe Saufen. Ich kann diese Energie, die in mir lodert, immer wieder fühlen. Aber beides geht in meinem Alter nicht mehr.

Was haben sie noch an Programmen entworfen, um jung zu bleiben?
Ich lebe asketisch, damit ich den Hunger nie verliere. Und ich umgebe mich möglichst mit jungen Menschen, wohne in der Nähe der Uni. Das gibt mir Elan und ich mag den Flair. Ich brauche dieses tägliche Glühen, diesen Drang nach Betätigung, den junge Menschen um sich haben. Ich fühle mich in Studentenkneipen einfach wohler als in Lobbys von großen Hotels. Von diesem Drang handelt auch das erste Stück auf dem neuen Album. In „Passion For Life“ geht es um das Gefühl, das gewisse Dinge wie der Geruch eines neuen Autos in mir auslösen. Das ist heute noch so wie vor 40 Jahren. Ich würde mir nie ein neues Auto kaufen, aber es riechen, das ist schon klasse. Ich pendle gerne zwischen den Extremen, würde gerne ein paar Tage der Woche auf dem Land und ein paar Tage der Woche in der Stadt leben. Aber eine Sache auf Dauer wird mir schnell langweilig.

Text und Interview: Arne Löffel

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